Burgenländerkipferl

Sonntagmorgen, aber lange ausschlafen ist an diesem Tag für uns nicht drinnen. Wie an keinem dieser Sonntage, wenn unsere Eltern am Tag zuvor bei einer Hochzeit im Südburgenland eingeladen waren. Zu neugierig sind wir Kinder, was sie uns diesmal mitgebracht haben. Ein Packerl für uns alle oder eines für jeden von uns? Ein kleines, mittleres oder großes? Halb oder prall gefüllt?  Und was wird diesmal drinnen sein? Eigentlich hoffen wir jedes Mal auf dieselben Köstlichkeiten, um die wir uns sogar manchmal streiten. Wer bekommt das eine Punschkrapferl, wer am meisten von den zarten Vanillekipferln, wer erwischt zuerst eine der begehrten Schaumrollen, wer entdeckt vor allen anderen die Anisbögerl und die Kokoskuppeln, gibt es diesmal mehr von den verschiedensten Krapferln, Busserln, Stangerln, Kipferln oder Schifferln? Jeder von uns hat seine Lieblingssorten, auf die er immer wieder gespannt wartet und sich schon den ganzen Samstag freut. Daher verlaufen diese Sonntage immer gleich: Kaum sind unsere Eltern von der lustigen und traditionellen Hochzeitsfeier zu Hause, stehen wir schon auf und starten der Nase nach in die Küche, wo das Mitbringsel auf uns wartet. Diesmal sind es gleich mehrere! Eines für jeden von uns. Was für eine tolle Hochzeit! „Ausgehungert“ und aufgeregt stürzen wir uns auf die Packerl, öffnen sie und da liegt sie vor uns, die ganze Pracht der burgenländischen Hochzeitsbäckerei! Mit unserem Kennerblick überprüfen wir in Windeseile den Inhalt – alles da, was wir so lieben! „Danke, liebes junges Ehepaar, danke! Und viel Glück und viele Kinder!“, so unser kurzes Danke mit vor Freude geballten Fäusten gegen Himmel gerichtet. Denn auch bei Taufen gibt es diese kulinarischen Mitbringsel und so sind unsere guten Wünsche jedes Mal sehr egoistisch.

Da liegen sie, nach Sorten gereiht, die Krapferl, Busserl, Stangerl, Kipferl und Schifferl. Die schokoladigen, marmeladigen, cremigen und salzigen Verführungen. Und mitten drinnen – als Königin der burgenländischen Mehlspeistradition – das Burgenländerkipferl. Üppig, gefüllt mit einer lockeren Nussmasse, hebt es sich vom zierlichen Vanillekipferl ab. Es hat auch nicht die Form eines traditionellen Kipferls, aber wer sagt denn, dass Kipferl immer mondförmig sein müssen? Auch bei der Behandlung seines Germteiges tanzt es aus der Reihe, denn dieser braucht nicht Wärme, sondern fühlt sich im kalten Kühlschrank am wohlsten. Das Burgenländerkipferl ist ein außergewöhnliches Kipferl und es schmeckt auch außergewöhnlich gut. So gut, dass wir sie uns immer als Erstes schnappen, bis auf eines, das heben wir uns als krönenden Abschluss unserer Sonntagsvormittagsschlemmerei auf.

„Mama, Papa, wann ist die nächste Hochzeit?“, fragen wir unsere Eltern mit schokoladigen, marmeladigen, cremigen und salzigen Mundwinkeln, während wir satt und selig vor den leeren Packerln sitzen.

Übrigens: Diese Mehlspeispackerl nennt man Bschoad-Packerl. Damit wird den nicht zu kirchlichen Festen wie Hochzeiten und Taufen eingeladenen Verwandten, Bekannten, Freunden und Dorfbewohnern Bescheid („Bschoad“)  gegeben, was es bei der Hochzeitstafel an Mehlspeisen gegeben hat.

Liebe heiratsfreudige Leser/innen, führt diese Tradition fort, backt so viel und gut ihr könnt, gebt die Köstlichkeiten in ein großes (!) Packerl, damit alle Kinder weiterhin Bescheid wissen, was ihnen auf eurem Hochzeitsfest entgangen ist. Glaubt uns, sie warten drauf und segnen euch bestimmt mit den besten Wünschen für viele Kinder … Und vergesst auf keinen Fall auf das Burgenländerkipferl!

 

Zutaten

40 dag Mehl glatt
1 Prise Salz
25 dag Butter
6ml kalte Vollmilch
2 dag Germ
2 KL Kristallzucker
3 Eidotter

Fülle

3 Eiklar
15 dag Staubzucker
20 dag Walnüsse

 

Zubereitung

Als erstes und einfachstes wird der Germ in kalter Milch aufgelöst und mit dem Zucker verrührt. Danach wird Mehl, Butter und Salz abgebröselt. Der Eidotter und das Germ-Gemisch werden hinzugefügt und rasch zu einem glatten Teig geknetet. Mit Frischhaltefolie  einwickeln und für ca. 30-40 Min. bei Zimmertemperatur ruhen lassen. Für einen Germteig ging das ja schnell oder?
Schlag das Eiweiß über Dampf steif und lass den Zucker langsam einrieseln.
Damit der Teig nicht kleben bleibt, bestreue die Arbeitsfläche mit Mehl und halbiere den Teig, dabei wird jeder Teil rechteckig ca. 4 mm dick ausgerollt.
Damit ist das meiste schon geschafft. Jetzt werden noch die Teigstücke mit der Eischneemasse bestrichen und die geriebenen Walnüsse drübergestreut. Den Teig von einer Seite her einrollen, Kipferl ausstechen und auf Backpapier legen.
Backrohr auf 200°C vorheizen und die Kipferl etwa 20 Minuten bei Ober- und Unterhitze backen. Kipferl auskühlen lassen und als krönenden Abschluss mit Staubzucker bestreuen.

 

Ach ja, beinahe hätten wir es vergessen: Wir haben für dich noch um ein Bschoad-Packerl gebeten. Such dir ein ruhiges Platzerl, binde die Schleife auf, riechst du es schon? Die Schokolade, die Marmelade, die Nüsse, den Anis, den Rum, den Germteig, den Mürbteig, den Blätterteig? Öffne das Packerl, schließe die Augen, atme tief die herrlichen Aromen ein und … hörst du es? Die Musik, das Lachen, das Tanzen? Ja, jetzt bist du mitten auf einer burgenländischen Hochzeit, mit jedem Stück der herrlichen Mehlspeise versinkst du tiefer in das Hochzeitsgeschehen und bekommst immer mehr Bschoad!

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P.S. Das Burgenländerkipferl ist ein Ganzjahreskipferl und ist bei jedem Fest im Jahreskreis dabei, ganz besonders natürlich auch zu Weihnachten!

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